Krisensichere Energieversorgung

12.04.2022 | quelle: www.focus.de

Bauern-Gas statt Putin-Gas: Eine Lösung für unsere Probleme liegt auf deutschen Äckern

In der Theorie lassen sich bis zu 80 Prozent des russischen Gases durch heimisches ersetzen, wenn die Bauern beim Ausbau ihrer Biogasanlagen unterstützt werden. In der Praxis gibt es jedoch viele Vorbehalte - vor allem politische.
Deutschland hat sich abhängig von russischen Energielieferungen gemacht. Insbesondere die Abhängigkeit von russischem Gas erweist sich seit Ausbruch des Ukrainekriegs als fatal, da das Geld aus Deutschland, das im Gegenzug für die Gaslieferungen nach Russland fließt, dort in die Kriegsmaschinerie von Machthaber Wladimir Putin gesteckt werden kann. Allgegenwärtig ist auch die Drohkulisse, dass Russland die Gaslieferungen von heute auf morgen stoppt oder die Ukraine das russische Gas nicht mehr Richtung Westen durchleitet.



Entsprechend ist Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) auf der Suche nach alternativen Lieferanten, und klapperte dafür sogar die arabischen Scheichtümer ab. Eine Quelle, die vor Ort sprudeln könnte, fristet dagegen weiter ein Schattendasein: Biogas. Betreiber solcher Anlagen gehen in Reihe pleite, andere werden stillgelegt, unterm Strich stagniert die Produktion von Strom und Wärme aus Biogas seit Jahren. Was läuft da falsch?

Durch Biogas werden eine Million Haushalte mit Wärme versorgt

Eine Zeitlang galten Biogasanlagen als sprudelnde Einnahmequelle für Landwirte – und erfreuten sich entsprechender Beliebtheit. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) aus dem Jahr 2000 regelte, dass es für den so erzeugten Strom 20 Jahre lang eine feststehende Vergütung gab. Für viele Bauern war das ein Anreiz. Deutschlandweit entstanden etwa 9500 Biogasanlagen.

Das System funktioniert so: Rohstoffe wie Mais, Getreideteile, Bioabfälle oder Gülle werden in einen Behälter geschüttet, in dem Bakterien diese Substrate unter Luftabschluss abbauen. Dabei entwickelt sich ein brennbares Gas, das bis zu zwei Dritteln aus Methan besteht. Ein Vorteil ist, dass sowohl die Rohstoffe als auch das Gas gespeichert und nach Bedarf eingesetzt werden können.

Das Biogas wird vor allem in kleineren Blockheizkraftwerken auf den Bauernhöfen in Strom und Wärme verwandelt und versorgt die Häuser im nächstgelegenen Dorf. Ein weiterer Teil wird chemisch gereinigt, zu Biomethan veredelt und in das öffentliche Gasnetz eingespeist. 2020 wurden beispielsweise in Baden-Württembergs 6,6 Prozent des Brutto-Stroms aus Biogas erzeugt.

Der Fachverband Biogas, zu dem sich die Betreiber zusammengeschlossen haben, schätzt, dass in den laufenden deutschen Biogasanlagen genug Wärme für rund eine Million Haushalte entsteht. Bei einem durchschnittlichen Wärmebedarf von 10.000 Kilowattstunden (kWh) pro Haushalt entspricht dies einer Gasmenge von einer Milliarde Kubikmeter – was rund zwei Prozent der Gasimporte aus Russland entspricht.
Biogas-Ausbau stagniert

Durch kurzfristige Maßnahmen könnten die bestehenden Biogasanlagen noch in diesem Jahr die Bereitstellung von Strom und Wärme um 20 Prozent steigern, heißt es vom Verband. Theoretisch, wenn alles optimal läuft, ließe sich auf 80 Prozent des russischen Gases verzichten, weil die Energie auf heimischen Bauernhöfen hergestellt werden kann. Verbandsgeschäftsführer Claudius da Costa Gomez bezeichnet Biogas deswegen als „Rückgrat einer krisensicheren Energieversorgung.“

Doch die dem Bundewirtschaftsministerium unterstehende Bundesnetzagentur bremst. Insgesamt, so heißt es in ihrem Monitoringbericht 2021, der sich der Energieversorgung in Deutschland allerdings noch vor dem Ukraine-Krieg widmet, werden bereits 8,8 Gigawatt Biomasseleistung nach dem EEG gefördert, nur 8,4 Gigawatt sollen davon bis zum Jahr 2030 erhalten bleiben. Damit ist vorgegeben: Die Förderung wird sinken.

Außerdem sieht das EEG vor, dass mit dem sogenannten Maisdeckel nur noch maximal 40 Prozent Mais in den Biogasanlagen vergärt werden dürfen. Der Grund:  Monokulturen auf den Feldern sollen verringert und die Konkurrenzsituation zur Nahrungs- und Tiermittelproduktion entschärft werden. Derzeit liegt der Anteil, den Mais zur Herstellung von Energie liefert, noch bei 64 Prozent in Deutschland.

Das heißt: Viele Landwirte müssen sich künftig umstellen, mehr „Abfälle“ wie Gülle verwerten, ihre Felder auch mit anderen Energiepflanzen bestellen, nachhaltigere Substrate für die Stromerzeugung vergären. Das können Bioabfälle, Grünschnitte oder bestimmte Blühmischungen sein, die dann aber eventuell auch weniger Energie liefern. Bezahlt wird so eine Umstellung bisher aber nicht, weswegen - Ukraine Krieg hin, Putins-Regime her - der weitere Ausbau stagniert.

Branche und Politik haben ein gespaltenes Verhältnis

Neben solchen Auflagen sind die Zuschüsse maßgebend für die Weitentwicklung der Biogas-Branche. Die Förderung wird seit Jahren gesenkt, was dazu führt, dass der Ausbau allenfalls gemächlich vorankommt. Immer wieder änderten sich Höhe und Bedingungen der Zuschüsse. Viele Anlagen seien unter anderem auch deswegen nicht modernisiert worden, was aber wichtig sei, um mehr Leistung herauszuholen und möglichst flexibel Strom einspeisen zu können, heißt es aus der Branche, die zur Politik oft ein gespaltenes Verhältnis hat. Und umgekehrt: die zu ihr.

So ließ sich jüngst Entwicklungshilfeministerin Svenja Schulze (SPD) mit dem Aufruf zitieren, dass „Mais und Getreide zuallererst auf den Tisch gehörten und weniger in Biosprit“. Und da zwischen Sprit und Gas oft nicht so unterschieden wird, betrachtet die Branche das schnell mal als Angriff und wehrt sich: „Energie ist auch ein Lebensmittel“, sagt eine Sprecherin des Biogasverbandes.






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